Yoga und Kapitalismus

Kapitalismus ist als Epoche nach dem Feudalismus gekommen, aber seine Wurzel sind tief in der menschlichen Geschichte und Geistesentwicklung des Menschen verankert, einfach durch das menschliche Ego. Ego musste es immer gegeben haben, aber irgendwann ist es in eine Form entartet, die nicht mehr gut getan hat. Der Mensch fing an, irrationale Aktivitäten zu veranstalten, z.B. andere, die gutmutig waren, zu betrügen, die anderen zu versklaven, die anderen einfach für die eigenen materiellen und egoistischen Ziele auszunutzen, weil er sich aus einem unbekannten Grund nicht als Teil des Ganzen sah, sondern mächtiger, besser oder klüger als die anderen. Statt kooperieren kam es zum Herrschen.

Die Machtausübung ist eine Kraft die einfach ausgeübt werden will – und warum das so ist – wurde noch nie vollständig erklärt. Vielleicht ist es einfach ein hartnackiger Atavismus. Genauso wie manches aus der Vergangenheit ausgerottet ist und nicht mehr denkbar, so wird es vielleicht auch mit der Machtausübung und Machthabenwollen irgendwann Ende.

Die Machtausübung basiert auf einem „negativen“ Ego, welches wiederrum auf Angst, Einseitigkeit, eingeschränktem Geist, Ignoranz und Unwissenheit basiert. Obwhol das so ist und obwhol die Mehrheit der Menschheit das einsehen KANN, ist diese Machtausübung so stark, dass sie in der Lage ist, die Massen zu herrschen.

Die zwei Säulen des Kapitalismus sind die Macht und das Kapital. Ohne Macht gibt es kein Kapital und ohne Kapital keine Macht. Das Reichtum wird akummuliert, nach dem Prinzip: Ich zuerst und nur ich / mein Stamm/ Familie. Die anderen werden im grundegenommen feindlich betrachtet und behandelt. Es herrscht ein ausgedachtes, eigenwilliges Recht etwas zu besitzen, was eigentlich der Erde und somit der ganzen Menschheit gehört.
Die Besitzermentalität ist die Mentalität des Egos, eine Störung in der Amygdala, ein Mangel an Glückshormonen in den Gehirnen, eine Empathie-Unfähigkeit, eine ständige Angst die die ganze Welt dadurch einschränkt und die Zusammenhänge zwischen allen Menschen, Ländern und Kulturen nicht sehen lässt.

Alte Rishis (die Weisen vor ungefähr 5000 Jahren) haben schon damals durch die Beobachtung der Natur, Welt und Menschen gemerkt, dass man ein Teil der eigenen Existenz als separat von allem erlebt. Und das ist das, dieses Ego. Es wurde mündlich in der Yogaphilosophie übertragen unter dem Begriff Ahamkara. Unseres Ego versucht immer uns als Individuum von der Ganzheit zu trennen. Das Ich ist hier ganz stark ausgeprägt durch die Illusion (Maya). Das Ego glaubt an die Illusion. Der Mensch identifiziert sich mit diesem Ego oder einer Rolle davon: berufliche Rolle, familiäre, intellektuelle…

Einerseits ist es gut ein Ego zu besitzen – das nenne ich ein „positives Ego“: wir haben das Recht auf das Erhalten unseres Lebens; wir müssen unsere Bedürfnisse erfüllen, sonst würden wir sterben. Das Ego / Instinkt zur Erhaltung des Lebens ist etwas Natürliches. Akummulation der Güter auf Kosten anderer, besonders in der heutigen Zeit, wo es GENUG für alle gibt, ist nicht natürlich. Das „positive Ego“ verfällt in den meisten Fällen in ein „negatives, gieriges Ego“.

Leider basiert das ganze System in dem wir leben, also Kapitalismus, auf dem (negativen) Ego, auf den ca 7 Milliarden separaten Egos. Es hat sich schon unter die Haut geschlichen und wir merken oft nicht, in was für Unwissenheit wir eigentlich leben. Wir werden mit Kapitalismus geboren. Die Schwangerschaft wird vermarktet. Die Krankenhäuser sind nicht mehr nur da um den Menschen zu helfen, auch ein Krankenhaus muss gut wirtschaften. Unsere Gehirne, unsere Kinder werden auf konsumieren „programmiert“. Wir schließen die Augen vor der Massentierhaltung, in einem Café bestellen wir Kaffee ohne zu fragen: In welchen Bedingungen haben die Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Plantagen gearbeitet, gab es da auch Kinderarbeit? Wenn es ein „SALE“ in H&M gibt, fragen sich die shoppinglustigen Mädchen nicht über andere Mädchen in Bangladesch, die für ein 2 € T-Shirt (ein Schnäppchen!) 20 Stunden Arbeit leisten mussten.

Die Änderungen werden schon irgendwann und irgendwie stattfinden, aber ich persönlich hätte es gerne etwas schneller.

Einerseits scheint es – trotz einem beschleunigtem Wachstum von Spiritualität, Bewusstheit und Bewusstsein, trotz Internet und Informationaustausch – wachsen auch „die dunklen Mächte“ wie Profitgier, Ausbeutung, Betrug, Kriege weiter und zwar ziemlich schnell und irgendwie proportional. Faschismus und rechte Tendenzen als ein alter Partner vom Kapitalismus, bekommen den freien Lauf.

Über Klimawandel und Zerstörung der Erde muss man nicht noch mehr schreiben; wir sehen es täglich – die Straßen und Meere voller Plastikmüll und Gifte. Unnötiger Konsum an jeder Ecke. Es ist ein Teil des Lebens welches man, einfach so, akzeptiert.

Das Leben wird uns dirigiert und wir merken es nicht. Vielleicht wollen wir es auch nicht merken. Oder haben keine Zeit. Nach einer 8-stündigen anstrengenden Arbeit wo die Energie und Kraft (trotz gutem Lohn und guten Bedingungen auch ausgebeutet wird – sonst wäre es kein Kapitalismus!) hat man doch keine Lust sich noch mit Klimawandel oder schlechten Arbeitsbedinungen anderer Menschen auf der Welt zu beschätigen. (Ich schreibe hier mit Absicht wir – obwhol ich weiss dass nicht jeder so ist und so lebt wie beschrieben).

Und was für eine Rolle spielt jetzt hier Yoga? Ich sehe eine große Chance, besonders in heutiger Zeit, durch Yoga und andere spirituelle Praktiken, eine andere Sicht auf die Welt zu werfen und die Änderungen zu BESCHLEUNIGEN. Mit Yoga halten wir auf der individuellen Ebene inne und diese Entspannung gibt uns viel mehr Kraft und Zufriedenheit. Warum kann es nicht so für die ganze Erde sein? Profit abschaffen! Es muss nicht sein. Es gibt genug und im Überfluß für alle. Die Erde braucht eine Pause.

Yoga selbst muss sich aus dem Kapitalismus auch befreien! Es ist unsere Aufgabe Yoga nicht als Geschäft darzustellen sondern es davon fernzuhalten. Ich sehe wie schnell sich das heutige Yoga einem kapitalistischen System beugen muss, so dass Yogalehrer und Yogalehrerlnnen davon überhaupt leben können, aber die eigenen Leistungen verkaufen „zu müssen“ um davon leben zu können ist sicherlich kein Yogaweg. Ich schreibe jetzt auch einen Blogartikel weil mir der Markt und Konkurrenzkampf schleichend vorschreiben dass heutzutage jeder Yogalehrer einen Blog, Facebook Page und Instagram haben sollte / müsste / könnte….Um eventuell davon – zu profitieren? Zum Glück hat mein Blog keine Sponsoren, aber vielleicht kann ich darüber noch nachdenken.

Die Konkurrenz ist groß. Yogazentren gibt es an jeder Ecke, wie Cafés oder Apotheken. Dieses Eindringen des kapitalistischen Glaubens ins Yoga, aber auch andere Bereiche wie z.B. Arztpraxen ist einfach – traurig. Marktanalyse, Konkurrenzanalyse, KundenBINDUNG, ZIELGRUPPE! Es gibt mitlerweile viele große Portale für Yoga Retreats. Ihr Marketing ist, meiner Meinung nach, fraglich. Es stellte sich am Anfang als eine große Hilfe für Yogalehrerlnnen die Yoga Retreats anbieten dar, aber jetzt zweifle ich daran. Das ist ein großes Internet Konzern der Yogareisen und nichts anderes. Da wird auch nur Profit für die wenigen erschaffen (durch die Provisionen) und Yogalehrerlnnen bleiben ohne wirklichen Verdienst da diese Provision von schon sehr knapp errechneten Preisen abgegeben werden muss.

Jeder Mensch der heute in einem Coaching-, Yoga-, Heilpraktikerbereich arbeitet ist in der Mühle des kapitalistischen Marktes und muss sich so gut wie möglich präsentieren und bestimmte Marketingtools nutzen um überhaupt gesehen zu werden. Nur mit Mundpropaganda geht es heute nicht mehr. Und wenn er oder sie nicht genug coole Selbstdarstellung hat, keine Webseite oder Flyers mit professionellen Bildern, dann muss er/sie auch nicht überrascht sein NUR drei zufällige Teilnehmerlnnen in einem Kurs zu haben und die „Aufstockung“ des Einkommens beim Job Center zu beantragen, weil man einfach nicht „inn“ und nicht genug „cool“ oder gar nicht „in Flow“ ist.

Dieser „Kampf“ um die eigene Daseinsberechtigung auf dem Markt hat eigentlich, zumindest im Yoga, nichts zu suchen. Ein Yogalehrer oder Yogalehrerin ist „verpflichtet“ – Yoga – zu verbreiten und nicht – Yoga als Produkt. Wir müssen uns erinnern dass Yoga keinem System unterworfen werden kann, genauso wie wir selbst. Yoga ist Einssein mit dem Universum – in der Freiheit. Manche werden sagen: „Kapitalismus ist auch ein Teil des Universums!“ Natürlich, alles ist Teil des Universums, was auch nicht bedeutet dass wir die Augen schließen müssen vor den Teilen des Universums die schädlich sind. Genauso wie es manche „Störungen“ und Tests auf einem Yoga- oder spirituellen Weg gibt, muss auch der Kapitalismus auf der kollektiven Ebene überwunden werden, zum Wohlwollen aller und besonders unserer Erde.

Stichwörter zum Nachdenken, aus dem Ashtanga Yoga – dem 8-gliederigen Yogaweg: Asteya und Aparigraha. Man kann es auch als Ethik bezeichnen.

Steya bedeutet im Sanskrit stehlen, asteya also nichtstehlen, nichts zu nehmen, was einem nicht gehört. Ganz einfach! Einem Kapitalisten gehört nicht die Zeit, Energie und Leben einer Arbeiterin in Klamottenfabrik in Bangladesch nur um seine Profite zu steigern! Also er stehlt vortwörtlich ihr Leben wenn sie 20 Stunden arbeiten muss.

Aparigraha bedeutet nicht-zugreifen, niemanden auszunutzen (z.B. Schnäppchen Mentalität aufgrund Leiden anderer oder z.B. Tierquälerei).

Das Wohlwollen ist ein Grundbegriff im Yoga und Buddhismus. Die Welt die wir heutzutage sehen und erleben ist Produkt einer Geschichte von tausenden von Jahren. Es passierte ein Krach in der menschlichen Entwicklung der noch immer geheilt werden muss.

Deswegen schicke ich das Wohlwollen Mantra an das ganze Universum weil mir im Moment noch keine andere Mittel zur Verfügung stehen bzw. noch keine andere Ideen einfallen wie wir unseres Dasein in einem System voller Ungerechtigkeiten lösen können:

Lokah Samasta

Sukhino Bhavantu

Lokāḥ = Welten
Samastāḥ = alle zusammen
Lokah Samastah – alle Welten und Wesen zusammen.
Sukhinaḥ = von Sukha = Glück, Wohlergehen
Bhavaṁtu = möge all das sein

Mögen alle Wohlergehen erfahren und glücklich sein!

 

 

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Ein Kommentar zu “Yoga und Kapitalismus

  1. Die Werte des Yoga leben inmitten des Kapitalismus… Dieses Dilemma ist gut beschrieben. Manchmal denke ich, dass wir uns gegen den Einfluß des kapitalistischen Denkens sowieso nicht wehren können und früher oder später „untergehen“. Dann wiederum höre ich von so vielen Menschen und Initiativen, die sich eben nicht dem Mainstream unterordnen, sondern ihre eigenen Ideale auch leben wollen. Sei es jetzt im Bereich Yoga oder woanders. Wir müssen einfach den Mut finden, nicht einfach mit dem Kapitalismus mitzulaufen, sondern wir müssen darauf bestehen, WIR SELBST zu sein. Mit unseren Gedanken, Vorstellungen, Idealen auch in dieser Welt leben wollen und uns nicht „ducken“, weil wir denken, dass wir sonst nicht überleben können. Wir können!

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