Pascimottanasana

Mit Pascimottanasana Flexibilität, Geduld und Demut üben

Ein der Gründe warum viele Menschen nicht zum Yoga gehen, ist die Meinung, flexibel sein zu müssen um Yoga überhaupt praktizieren zu können. Das ist widersprüchlich weil Yoga hilft, erstmal flexibler zu werden – wobei das auch überhaupt nicht der Hauptgrund der Yogapraxis sein muss. Die Tatsache ist aber, dass man mit Yoga unbedingt flexibler wird und vor einigem die „innere Flexibilität“ erfahren kann . Sie äußert sich in dem dass man einfach liebevoller zu sich selbst wird. Flexibilität ist eng mit der Wahrnehmung verbunden. Wenn wir erkennen was da ist, dann können wir das auch flexibler (gelassener) annehmen.
Pascimottanasana (Paschimottanasana) oder die sitzende Vorwärtsbeuge ist eine der Asanas, welches uns viel über äußere und innere Flexibilität beibringt. Es ist ein der schwierigsten Asanas für viele Yogaübende.

Come as you are! – ist ein Motto vieler Yogastunden und Yogazentren, bzw. starten mit dem was man gerade hat, dem allgemeinen Zustand in dem wir uns befinden (egal wie dieser Zustand ist) und Schritt für Schritt aufbauen, stärken, entspannen, loslassen, wachsen.
Jeder Tag und jede Stunde des Tages birgt verschiedene geistige Zustände und der Körper wird nicht immer in der Lage sein, ein Asana immer gleich auszuführen. Ein Asana wird zum Beispiel am Morgen anders erlebt als am Abend oder wenn der Bauch halbvoll oder eher leer ist (voll sollte es lieber nicht sein :)). Oder wenn man sich davor mit jemandem gestritten hat.

Jedes Asana, aber Pascimottanasana besonders, übt uns in Demut und Flexibilität, nicht nur des Körpers, ich würde sogar sagen, eher in der Flexibilität des Geistes. Manchmal sind viele Blockaden auch nur im Kopf und z.B. der Gedanke „Ich kann das nicht“ ist tief verwurzelt, vielleicht merken wir ihn gar nicht weil er tief im Unterbewusstsein ist, aber trotzdem beeinflusst unseren Körper und das ganze Leben.


Wir können aber, wenn wir uns entspannen, geistig und körperlich. Wenn wir den Wunsch etwas leisten zu müssen oder etwas zeigen zu müssen loslassen und ganz entspannt anschauen, was gerade in uns los ist.

Die sitzende Vorwärtsbeuge konfrontiert uns augenblicklich mit unserem Ego, auch wenn manche schon jahrelang Yoga praktizieren. Das ist eine der Eigenschaften dieses Asana, manchmal dauert es Jahre bis man etwas flexibler in diese Yogahaltung gehen kann und in ihr entspannen kann.
Der Kröper zeigt hier oft Warnsignale; der Rücken tut weh, vielleicht gab es sogar eine Überdehnung, Beine schmerzen, aber man will unbedingt verharren. Man strengt sich an, aber es klappt nicht. Wir werden gezwungen schrittweise voranzugehen ohne in einer Yogahaltung perfekt aussehen zu müssen. Ums Aussehen geht es im Endeffekt überhaupt nicht, sowie um Perfektion auch nicht. Vielleicht ums „Sehen“, einzusehen. Mark Whitwell, inspiriert von Desikachar, dem Sohn von dem großen Krishnamacharya sagt immer wieder: „Niemand kann Yoga so machen wie du!“ Jeder Körper, jede Person ist anders und braucht individuelle „Lösungen“.

Wir können von diesem Asana so viel lernen, über uns und die Welt. Es zeigt uns wo wir in der Vergangenheit nicht liebevoll zu uns selbst waren. Der Körper liefert so viele Botschaften und Antworten, oft direkter und offener als das Erforschen der Psyche.

Pascimottanasana bedeutet aus dem Sansrkit übersetzt: „intensive Dehnung des Westens“. Nach den alten yogischen Lehren (und nicht nur yogischen) hat auch unser Körper die Himmelsrichtungen; auf der (ganzen) Rückseite, aber besonders am Kreuzbein ist der Westen (Paschima). (Kopfkrone ist Norden, Vorderseite – Bauch Osten, Füße Süden).

Es ist sehr wichtig, in diese Yogakörperhaltung aufgewärmt zu gehen, in der zweiten Hälfte einer Yogastunde (ausser es geht ums Yin Yoga, aber da wird diese Pose nicht so ausgeführt wie im Hatha Yoga). Je nach dem wie sich der Rücken und die Beine in dieser Haltung anfühlen, es ist ratsam, die Beine angewinkelt zu halten, auch ziemlich großzügig wenn nötig.

Iyengar stellt in seinem Buch „Licht auf Yoga“ die verschiedenen Schritte dieser Haltung detailliert vor. Bei jedem Schritt schreibt er (nicht umsonst): „Und wenn das leicht auszuführen geworden ist, dann….“ Und dieses „easy, when that becomes easy“ kann bei jedem einzelnen Schritt von Pascimottanasana Monate, vielleicht auch Jahre dauern!

Die anderen Namen für dieses Asana sind Ugrasana, Brahmacharyasana. Auch Knie-Kopf-Stellung oder sitzende Vorwärtsbeuge werden verwendet, wobei sie können mit einem oder beiden Beinen gestreckt ausgeführt werden.
Pascimottanasana verleiht „Ugra“ etwas Kraftvolles, Beeindrückendes und Edles. Brahmacharya heisst vereinfacht Enthaltsamkeit und dieses Asana hilft die Sexualität zu kontrollieren, bzw. als spirituelle Praxis zu sehen und einzusetzen. Dieses Asana entspricht unter anderen, dem Swadhisthana Chakra, dem Sitz der schöpferischen Kraft (in allen Lebensbereichen).

Wirkung von Pascimottanasana auf den Körper:

Der gesamte Bauch- und Beckenbereich wird belebt und massiert, Leber, Pankreas, Milz, Nieren und Nebennieren, Urogenitalsystem. Nerven und Muskeln am Rücken sind gut durchblutet und wenn man etwas länger bleiben kann, der ganze Körper kann eine leichte, angenehme Wärme erfahren. Durch den Druck auf den Bauch, wird Agni oder das Verdauungsfeuer stimuliert. Bauchfett kann reduziert werden. Dieses Asana macht die Wirbelsäule auf jeden Fall elastisch. Relativ normale Rückenprobleme wie Schmerzen vom zu viel Sitzen oder Verspannungen, können gelindert oder beseitigt werden. Bei Bandscheibenvorfall und Ischias ist Vorsicht geboten, bzw. es sollte nicht in den offenen Yogastunden für alle ausgeführt werden, sondern erfahrene Yogalehrende konsultiert werden, die sich mit Yogatherapie auskennen.

Energetische Wirkung von Pascimottanasana:

In vollendeter Haltung entsteht ein Energiefluß, ein Energiekreislauf, meiner Erfahrung und Wahrnehmung nach, in einer „elyptischen Form“. Das kommt daher dass sich hier Prana Vayu und Apana Vayu vereinen (ganz vereinfacht kann man sagen, hier verbinden sich das Gehirn und der Bauch). Diese Körperhaltung kann Brahma Nadi oder Sushumna (zentrales Nadi oder Nervenkanal) öffnen und die Kundalini Energie steigen lassen, sowie bei leichter unkontrollierter Steigerung Hilfe verschaffen da diese Stellung alle Energien beruhigt und harmonisiert.

Geistige Wirkung von Pascimottanasana:

Bei schnell reizbaren, nervösen und verärgerten Menschen kann diese Haltung schwer sein, da man „gezwungen“ ist, ruhig zu bleiben. Da ist die Bereitschaft jeder einzelnen Yogaübenden wichtig ob man einige Eigenschaften angehen möchte oder nicht. Genauso wie es körperlich ratsam ist, in diese Yogahaltung schrittweise zu gehen, so gilt das für den Geist auch. Probieren lohnt sich. Hatha Yoga ist auch Ausdauer, der Früchte bringt!
Genauso eignet sich diese Yogahaltung besonders gut für Menschen mit Neigung zur Depression, depressiven Verstimmungen, Burn-Out. Es verhilft einzusehen wo man zu lange gesteckt hat, in welchen Situationen und warum. Das Gedankenkarussell kann in dieser Haltung deutlicher und unvoreingenommener wahrgenommen werden. Vielleicht verlieren manche Glaubensätze und tiefeingeprägte Eindrücke an Wichtigkeit und können losgelassen oder sogar geändert werden. (Natürlich ersetzt das nicht eine Psychotherapie und andere nötige Behandlungen, aber ergänzend kann es Wunder bewirken).
Sich beugen zu können ist auch ein wichtiges Thema dieser Yogakörperhaltung. Wer möchte sich schon beugen oder unterordnen? Wer möchte schon dass ihm oder ihr gesagt wird wie man etwas machen soll? Hier meldet sich oft das Ego, aber es geht mehr um die Hingabe und Demut, mit offenem Herzen annehmen, anzuschauen und nicht gleich aus Vorsicht, Angst oder Gewohnheit in die Abneigung und Ablehnung zu gehen. Und wem beugt man sich? Braucht man Authoritäten? Oder ist es einfach die Hingabe an etwas was stärker und größer als wir ist: die Natur? etwas was wir nicht kontrollieren können?
Es ist ein wichtiges Asana, dessen individuelle Ausführung zeigen kann und uns beibringen kann zu welchen Werten man stabiler stehen kann und welche Werte man überprüfen kann um sanfter zu werden.

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